Sonntag, 14. Februar 2016

Rezension Truman Capote - Kaltblütig


Titel: Kaltblütig
Autoren/Herausgeber: Truman Capote, Anuschka Roshani (Hg.) (Hrsg.)
Übersetzer: Thomas Mohr
Verlag: Kein & Aber

ISBN/EAN: 9783036959030
Originaltitel: In Cold Blood

Seitenzahl: 544
Format: 18,5 x 11,7 cm
Produktform: Taschenbuch/Softcover
Sprache: Deutsch
Erstveröffentlichung: 1966 
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Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen (Untertitel der deutschen Erstausgabe)
„Die Recherche über dieses Buch hat mein Leben verändert. Es hat meine Ansichten über beinahe alles verändert und ich denke, diejenigen, die es lesen, wird es ähnlich berühren.“ Truman Capote 
Am 16. November 1959 stieß der Schriftsteller Truman Capote in der New York Times auf eine kurze Zeitungsmeldung, die sein schriftstellerisches Interesse weckte.
In einem kleinen Ort namens Holcomb in Kansas hatten unbekannte Täter eine vierköpfige Farmersfamlie überfallen, gefesselt und durch Kopfschüsse getötet.
Capote konnte den Chefredakteur des Magazins New Yorker überreden, ihn mit einer Reportage über die Hintergründe und die Ermittlungsarbeit der Polizei zu beauftragen. Zusammen mit seiner Jugendfreundin, der Schriftstellerin Nelle Harper Lee, reiste es nach Holcomb, um mit der Recherchearbeit zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, dass ihn dieses Vorhaben bis 1965 beschäftigen sollte.

Schon bald nach seiner Ankunft merkt Capote, dass das vorhandene Material sowie die weiteren Recherchearbeiten den Rahmen einer Zeitungsreportage sprengen würde. Er wollte aus dem Material ein Buch machen, jedoch nicht lediglich eine überlange Reportage, sondern einen auf Tatsachen beruhenden Roman. Er wird daher auch von vielen als der Begründer des Genres Tatsachenroman (Nonfiction novel) angesehen. Aus rund 6000 Seiten Notizen über die polizeilichen Ermittlungen, biographischen Angaben zu den Tätern sowie zahlreichen weiteren Details erschafft Capote einen atemberaubenden Roman.

Zu Beginn des Romans werden uns die späteren Opfer, die Familie des Farmers Herbert Clutter, vorgestellt. Detailliert beschreibt der Autor den Ablauf und die Geschehnisse auf der Farm bis einige Stunden vor der Tat. Der Leser nimmt unmittelbar am Geschehen teil, da die Handlung zum größten Teil in der ersten Person der jeweiligen Charaktere erzählt wird.
Parallel dazu wird beschrieben wie sich die Täter Richard „Dick“ Hickock und Perry Smith auf den Weg zur Farm der Clutters machen. Ihre Motive und Hintergründe bleiben für den Leser, ebenso wie die damaligen Mitbewohner des Städtchens Holcomb, lange verborgen.
Für den Leser heutiger Romane überraschend, endet dieser Teil der Erzählung mit dem letzten Abend der Clutters und der Ankunft der Täter auf dem Farmgelände. Die Einzelheiten der Tat werden vorerst nicht erzählt. Vielmehr erfährt der Leser, ebenso wie die ermittelnden Kriminalbeamten, erst nach und nach die Einzelheiten der Tat und die Hintergründe und Motivation der Täter.
Nach einigen Wochen können die Täter gefasst werden und man merkt wie lange sich Capote mit den beiden Tätern, insbesondere Perry Smith, unterhalten hat. Capote sieht in Smith, der eine ähnlich traumatische Kindheit wie Capote erlebt hatte, einen „Bruder im Geiste“.
„Wir waren wie Brüder, nur dass er zur Hintertür hinausging, während ich die vordere benutzte.“

Die biographischen Daten von Perry Smith machen seine Tat zwar nicht entschuldbar, es wird jedoch klar, dass hier die Verkettung sehr vieler unglücklicher Umstände zu einer Katastrophe führten.

Aber psychologische Gutachten, die Täter zumindest teilweise entlasten konnten, waren in Kansas zur damaligen Zeit nicht zugelassen und so reagiert das amerikanische Rechtssystem auf die „kaltblütige“ Tat mit einer ebensolchen kaltblütigen Antwort: Beide werden zum Tode durch den Strang verurteilt.

Es sollte jedoch noch bis zum 14.April 1965 dauern, bis die Strafe vollstreckt wurde.
Die intensive Beschäftigung mit dem Mord und ihren Tätern ging nicht spurlos an Capote vorüber. Seine Erlebnisse und Erfahrungen, die er während der Arbeit zu diesem Roman machte, haben ihn tief erschüttert. Er sollte danach nie wieder einen Roman vollenden.
Für mich ein hervorragender Roman, der intensiv und detailliert die Auswirkungen eines Verbrechens auf das gesellschaftliche Umfeld der Opfer, aber auch auf die Täter beschreibt. Viele Kritiker sehen in dem Roman auch ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.
Als perfekte Ergänzung zu diesem Roman kann ich den Film „Capote“ des amerikanischen Regisseurs Bennett Miller aus dem Jahre 2005 empfehlen, der die Entstehungsgeschichte des Romans und die nicht ganz unumstrittene Rolle Capotes beleuchtet. Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman erhielt 2006 für seine Titelrolle sowohl den Oscar als auch den Golden Globe Award für die beste männliche Hauptrolle.



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