Samstag, 27. Februar 2016

Rezension Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein

Titel: Jeder stirbt für sich allein
Autoren/Herausgeber: Hans Fallada
Verlag: Aufbau
Ausgabe: 1. Auflage
ISBN/EAN: 9783351035174

Seitenzahl: 720
Format: 21,5 x 13,5 cm
Produktform: Hardcover/Gebunden
Gewicht: 815 g
Sprache: Deutsch
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„Nein, das werden Sie nie verstehen. Es ist egal, ob nur einer kämpft oder zehntausend, wenn der eine merkt, er muss kämpfen, so kämpft er, ob er Mitkämpfer hat oder nicht….“ (Seite 501)

Der erstmals 1947 erschienene und ab 2002 mit großem, überraschenderweise auch internationalem Erfolg, erstmals ungekürzt veröffentlichte Roman beschreibt das Schicksal des Ehepaars Anna und Otto Quangel, die im Berlin des Jahrs 1940 versuchen durch das anonyme Verteilen regimekritischer Postkarten und Briefe gegen das Naziregime zu opponieren.
Der Roman basiert auf dem authentischen Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel, die 1943 in Berlin wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

Im ersten Teil des Buches werden die Quangels und ihre Mitbewohner in der Jablonskistrasse 55 in Berlin eingeführt. Mit dem Haus in der Jablonskistrasse und seinen Bewohnern zeichnet Fallada einen Queerschnitt durch die deutsche Bevölkerung des Jahres 1940:  Die ängtliche Jüdin, die sich nicht mehr auf die Straße traut, die parteitreue Nazifamilie, der ruhigen Ex-Richter, der bereits resigniert hat, der Denunzianten und Gelegenheitsdieb und eben das Ehepaar Quangel, die nach dem Tod des einzigen Sohnes die Sinnlosigkeit und Ausweglosigkeit des von Hitler angezettelten Krieges erkennen und beschließen auf ihre Art Widerstand zu leisten.
Sie erstellen Postkarten mit regimekritischen Texten und verteilen diese anonym in ganz Berlin. Meistens hinterlegen sie die Postkarten in den Treppenhäusern vielbesuchter Merhfamilienhäuser.

Ihr Treiben bleibt nicht lange unbemerkt und der Gestapo-Beamte Escherich wird mit der Aufklärung des Falles beauftragt.

Im weiteren Verlauf des Romans verfolgt der Leser Escherichs Suche nach dem Kartenschreiber und das Schicksal einiger weiterer Figuren.

Der letzte Teil widmet sich größtenteils der Beschreibung der Erlebnisse des Ehepaars Quangels nach der Verhaftung und deren absurde Gerichtsverhandlung vor dem Volksgerichtshof.

In meinen Augen beschreibt der Roman sehr gut die Stimmung, die im Berlin der 1940er-Jahre herrschte. Misstrauen, Argwohn und Denunziantentum prägten die Gesellschaft in dieser Zeit.

„Er hatte im Jahre 1940 noch immer nicht begriffen, der gute Harteisen, dass jeder Nazi zu jeder Zeit bereit war, jedem Deutschen, der eine von seiner abweichende Meinung hatte, nicht nur alle Lebensfreude, sondern auch das Leben selbst zu nehmen.“(Seite 201)

Fallada benutzt eine sehr einfache und gut lesbare Sprache, er hat hier wirklich „dem kleinen Mann auf der Straße“ auf den Mund geschaut.
Durch den Schreibstil und die an einen Kriminalroman erinnernden Elemente mit dem Kommissar Escherich liest sich der Roman ungeheuer spannend.

Allerdings verzichtet Fallada auf eine allzu genaue Charakterisierung seiner Protagonisten. Die Motivation der Quangels zum Widerstand wird mit dem Tod des Sohnes zwar erklärt, eine weitere Auseinandersetzung mit der Regierung wird jedoch, ebenso wie bei den meisten anderen Charakteren, nicht beschrieben.

Einige Handlungsfäden, von denen man zu Beginn glaubt, sie werden im Roman später noch eine Rolle spielen, werden später entweder gar nicht oder nur sehr halbherzig wieder aufgenommen. Die kleine Nebenhandlung über den Sohn eines Mitbewohners der Jablonskistrasse 55 erscheint, insbesondere das letzte Kapitel, ein bisschen kitschig, aber vielleicht wollte Fallada seinen Lesern so kurz nach Ende des Krieges kein allzu trostloses Ende zumuten.

Da merkt man diesem Roman dann doch an, dass Fallada die 800 Manuskriptseiten in der unglaublichen Zeit von nur knapp vier Wochen geschrieben hatte.

Fazit: Ein sehr lesenswerter und spannender Roman, der am Beispiel der Quangels zeigt wie wichtig es ist für seine Überzeugungen zu kämpfen – und sei es nur darum um mit dem eigenen Gewissen leben zu können. Denn die erhoffte Wirkung haben die Quangels mit ihren Postkarten nicht erreicht, die Finder hatten viel zu viel Angst um diese weiter zu verbreiten und so sind fast alle sofort in die Hände der Gestapo gewandert. Einen immerhin haben sie zum Nachdenken bringen können. Kommissar Escherich erkennt letztlich wer von beiden auf der richtigen Seite steht.

“Hier stehe ich, wahrscheinlich der einzige Mann, den Otto Quangel durch seine Karten bekehrt hat. Aber ich bin dir nichts nutze, Otto Quangel, ich kann dein Werk nicht fortsetzen. Ich bin zu feige dazu. Dein einziger Anhänger, Otto Quangel!“
Seite 506

Im sehr interessant zu lesendem Anhang des Romans sind Fotos und Dokumente über das Ehepaar Hampel und ein kurzer Bericht über die Entstehungsgeschichte des Romans enthalten.

Vor- und Nachsatz der gebundenen Ausgabe enthalten einen historischen Stadtplan von Berlin, auf der die Handlungsorte des Romans (Vorsatz) bzw. die Fundorte der Karten (Nachsatz) gekennzeichnet sind.

Die mittlerweile fünfte Verfilmung (mit Emma Thompson als Anna Quangel und Daniel Brühl als Kommissar Escherich) des Stoffes hatte übrigens gerade auf der Berlinale Weltpremiere.

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